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Faszination Erde
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Erstellt am: 19.04.2007
Anfang Juni mache ich mich als Fotograf für ca. 2 Monate auf den `Jakobsweg` in Nord- Spanien. Selbst mit dem Burn- Out- Syndrom versorgt hatte ich von 2003 auf 2004 eine längere Auszeit genommen und die Anden in Südamerika bereist. Natürlich gehörten auch diverse Treckingtouren zum Programm. Davon mal abgesehen habe ich u.a. auf Schneeschuh- Touren im Winter durch die Dolomiten und bei Querfeldein- Ritten mit dem Motorrad durch die Sahara durchaus erfahren, wie wenig man für ein zufriedenes Leben braucht, wie man zu sich selber findet und den Mut entwickelt neue Wege zu finden- und zu gehen.
Ich bin überzeugt: auch auf dem Jakobsweg wird es mir `gut gehen`. |  | | | ___________________________________________________________________________________ |
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Erstellt am: 08.06.2007
02.06.07 St- Jean- Pied- de- Port nach Roncesvalles
Jetzt geht’s endlich los. Gestern abend bin ich mit dem Auto in St. Jean angekommen. Zu spät,kein Platz mehr in den Alberguen gefunden. Also im Auto auf Campingplatz geschlafen. Fast nur Deutsche im Ort angetroffen. Meine Schätzung: 40% aller Pilgerer. Der Kerkeling-Effekt. 2 Franzosen meinen es habe auch damit zu tun,dass der Papst Deutscher ist. Treffe einen Deutschen,der mit 76 Jahren den Camino nun zum 3.Mal macht und einen ca. 30 jährigen Krankenpfleger,der ihn zum ersten Mal macht. Er hat einen schlechten Rucksack und zu viel Gepäck. Einer Dänin, ich schätze sie auf ca. 37, sieht man an,dass sie ein ziemliches `Päckchen` zu tragen hat. Hübsches Gesicht, ängstlich in Mimik und Körpersprache, misstrauisch und müde wirkt sie. Aber irgendwie auch voller Tatendrang und Neugierig der Dinge harrend.
7:26h am 2.Juni marschiere ich mit Rucksack, Fototasche und Stativ vom Campingplatz. Alles zusammen: 30kg schätze ich. Ist natürlich viel, aber nicht das 1. Mal. Ich bin fit und optimistisch, dass es so geht. Habe schliesslich noch nie grosse Probleme gehabt beim Wandern. Das Wetter ist mies, Wolken ohne Ende. Kein Fotowetter. Komme gut die Berge hoch. Puls zwischen 150 und 160. Weniger ist in den Pyrenäen wohl nicht machbar. Mache immer mal wieder ein Bild und renne dann den Anderen hinterher. Darf den Anschluss nicht völlig verlieren, sonst hab ich bald keine `Models`mehr. Treffe den Krankenpfleger wieder. Sieht schon ziemlich fertig aus, dabei liegt noch nicht mal 20% hinter uns. Der Rucksack ist das A und O. Besser im Einzelhandel kaufen mit Beratung, anstatt im Internet Geld sparen, ohne Beratung !
Theoretisch tolle Landschaft hier ,aber Wetter wird immer mieser. Wind, Regen, Nebel. So ne Sch… Kehre erstmal im Refugio Orisson ein. Milchkaffee ist angesagt. Für 2 Euro,der Teuerste bis jetzt. Alle Kehren ein, die Meisten sehen schon sehr gezeichnet aus. Komme mir vor wie bei der Tour de France- bloß dass man uns kein EPO anbietet. Wetter wird immer schlechter. Ich schalte ab. Atmung kontrollieren,Tunnelblick und durch.Gehe so zügig,wiemöglich, ohne zu überdrehen, weil es mir sonst zu kalt wird. Man sieht nichts mehr. Dichter Nebel. Muss hier unbedingt mit dem Auto noch mal hin. Bald muss der Abzweig kommen,wo der Weg den Asphalt verlässt. Da vorne irrt eine Gestalt im Poncho umher. Man sieht ihn nur schemenhaft. Er fragt mich auf französisch, ob das hier der Abzweig sein könnte. Ich glaube es nicht, weil bislang der Weg gut markiert war und ein wichtiger Abzweig doch einwandfrei zu sehen sein müsste. Wir suchen gemeinsam nach Hinweisen und finden ihn auch. Im Nebel ein echtes, kleines Problem. Jetzt beginnt die Schlammschlacht, der Nebel wird dichter. Ich finde ein Steinbiwack.2 Spanierinnen sitzen drin und machen Siesta. Ich esse ne Banane und gehe weiter. Es geht durch einen Buchenwald, im Nebel direkt ein Märchenwald. Tolle Atmosphere. Der Zaun taucht auf. Das ist die Grenze zw. Spanien und Frankreich. Bald stehe ich am Roland- Brunnen. Links daneben die Steintafel mit dem Hinweis: Santiago de Compostela 765km. Sehr motivierend. Der Regen lässt nun nach und um 14h kommen die ersten Sonnenstrahlen durch. Wie sich das gleich auf die Psyche auswirkt. Wahnsinn. Immer wieder kann man einen Blick erhaschen ins Tal. Tja, mit Sonne wäre das hier klasse. Mittlerweile bin ich wohl weit zurückgefallen. Die Fotografiererei hält ziemlich auf. Alle Anderen sehen zu, dass sie runter nach Roncevalles kommen.
Mittlerweile macht mein linkes Sprunggelenk Ärger. Was soll das denn? Hatte ich nicht in der Planung. Einige Hänge querend, immer entlang der gleichen Höhenlinie marschierend erreiche ich gegen 16h den Punkt von Wo es nur noch Abwärts geht. Ich wähle die leichtere Variante und bin nach 30min am Ibaneta-Paß mit Roland- Stein. Es geht um Roland, den Gefolgsmann von Karl dem Großen, der hier in der Gegend angeblich von Basken in den Hinterhalt gelockt und nach aufopferungsvollem Kampf getötet wurde. So die Legende auf dem Jakobsweg. In Deutschland dagegen gibt es Leute, die sogar die Existenz von Karl dem Großen anzweifeln. 10 min später erreiche ich Roncevalles, zufrieden die erste Etappe geschafft zu haben ohne völlig kaputt zu sein. Im Schlafsaal sieht es anders aus. 140 Leute, dichtgedrängt in einem Raum. Viele liegen völlig erschöpft in ihren Betten, die Anderen schreiben Tagebuch. Ich lerne Dora aus Hong Kong und 4 Kanadier kennen. Wir sind ganz unterschiedlichen Alters, aber haben den gleichen Humor. Es wird geflachst und viel gelacht. Unglaublich wie schnell und locker die Menschen hier mitteinander umgehen. Ich mache Porträts. Die Enge zwischen den Menschenmassen ist nichts für Jedermann, wie mit 12 im Ferienlager auf der Insel Ameland. Josef und sein Kollege, die Herbergsväter von den Jakobswegfreunden aus den Niederlanden, tun Alles um den Pilgerern den Aufenthalt bequem zu machen. Sie machen das 14 Tage lang ehrenamtlich. Vorm Haus ist das große Schuheputzen ausgebrochen. Es ist Samstag Nachmittag. In Deutschland Autowaschtag- auf dem Jakobsweg Schuhputztag. Um 22h geht das Licht aus.
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Erstellt am: 08.06.2007
3.6.Roncesvalles- Larasaona
Um 7h geht’s los, um 7h30 Frühstück in Burguette. Ich nehm die 2.Bar. Die 1. ist mit nur einer Person besetzt und diese Person ist mit dem Andrang natürlich völlig überfordert. Treffe die Kanadier wieder. Schönes Wetter heute. Alles sonnt sich. Durch schöne grüne Landschaft geht es ohne große Anstiege- wohlgemerkt im Vergleich zu Gestern.
Kühe und Schafe gucken uns hinterher. Beim Cafe in Viscarret lerne ich Georg aus Passau kennen. Zimmermann mit dem entsprechenden Hut. Er studiert z. Z. Physik ist aber nicht glücklich damit. Nimmt den Jakobsweg als Auszeit, um sich zu überlegen, ob er es schmeißt. Sein Weggefährte hat bis vor 3 Monaten 50 Zigaretten am Tag geraucht. Dann begann das Training. Arnold, Krankenpfleger aus Limburg, gesellt sich dazu und noch 2 Deutsche. Ein Deutscher Tisch, der bald voller Cafetassen steht. Man diskutiert über Gott und die Welt und marschiert dann weiter. Jeder in seinem Tempo. Und dann passiert eine Geschichte für die der Jakobsweg wohl bekannt ist!
Ich fotografiere in einen engen Waldweg hinein und denke noch, dass sich jetzt rote Jacken oder Rücksäcke gut machen würden in Kombination mit dem Grün. Da höre ich auch schon Stimmen in den Büschen rechts. Das Gebrabbel ist Deutsch, kein Wunder diesen Sommer. Alex, 48, aus der Nähe von Köln und Richard, 69 aus der Nähe von Hamburg. Wir kommen rasend schnell ins Gespräch. Es dreht sich um den Sinn von Joint Ventures, Massagen, die Renovierung von Richards Enkels Wohnung in Konstanz und um Hape Kerkeling. Richards Kommentar im Familienkreis: das kann Opa auch! Und das Alles in 10 Minuten, mit Rotem Faden. Die Beiden haben sich auch erst in Köln aufm Flughafen kennengelernt und sind so 'durchgeknallt', dass ich spontan frage, ob sie nicht noch nen 3.Mann suchen.
Alex ist u.A. Masseur. Er bietet Massagen mittels Werbeschild auf dem Rucksack an. Richard, der den Manager macht erzählt von enormen Zuwachsraten. Alex`Spruch: früher oder später krieg ich sie Alle! Das dürfte durchaus stimmen. Gemeinsam marschieren wir über Zubiri nach Larasaona. Es wird beinah permanent gequasselt. Meditativ ist das nicht gerade. Freue mich über jeden kleinen Anstieg. Dann herrscht Ruhe.
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Erstellt am: 08.06.2007
4.6. Larasaona- Pamplona
Heute sinds nur 15km. Ein Glück, ich spür meine Knochen inzwischen ganz ordentlich. Alex bietet mir sein Hirschtalg an:“ Hier, schmier dir die Füße ein. Du bekommst sonst Blasen. Und auch die Leisten, sonst läufst du dir eventuell nen Wolf.“ Ich:“ Brauch ich nicht. Hab ich noch nie Probleme mit gehabt.“ Alex zieht nur die Augenbrauen hoch. Wir treffen einige skurile Figuren unterwegs. Ich mache Fotos. In Pamplona kommen wir in der `Casa Paderborn` unter. Paderborn und Pamplona haben eine Städtepartnerschaft. Die Paderborner Jakobswegfreunde haben da eine wirklich nette, kleine Albergue gebastelt. Sehr empfehlenswert. 7 Euro inkl. Frühstück. Alex massiert, Richard schneidet die Hecke und ich fotografiere. Wir beschließen einen Tag Pause einzulegen.
Pamplona ist wirklich eine eindrucksvolle Stadt. Hohe, alte Wohnhäuser, enge Gassen. Ziemlich farbig, schöne Atmosphäre. In der Albergue hängt eine Federwaage an der Wand. Ich wills jetzt genau wissen. Hänge meinen Rucksack ein und…- die ganze Konstruktion reißt samt Dübel und Putz aus der Wand. Alex hat die Aktion beobachtet: “ Egal wieviel das jetzt war. Der ist zu schwer.“ Ach was. Ich hab den Wert noch ganz kurz gesehen: 26kg. Das liegt in erster Linie daran, dass ich zum ersten Mal laengere Zeit digital fotografiere. Um die Bilder gleich doppelt sicher und bearbeiten zu koennen muss ich einen Laptop, externe Festplatte, Kabelzeugs, Akkusund Ladegeraeteetc. mitschleppen. Voelliger Irrsinn. Dazu kommen 4kg Fotoausrüstung plus 2kg Stativ. Es MUß gehen, ging ja frueher auch. Ausserdem hab ich eh nichts zum Weglassen. Ich werde bis Santiago halt ein bisschen mehr buessen muessen.
5.6. Pause in Pamplona
Ich schreibe weiter,sobald es zeitlich passt und ein Internet- Cafe mich meine Bilder hochladen laesst. Das erlauben naemlich nicht alle.
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Erstellt am: 13.06.2007
6.6. Pamplona-Puente la Reina
Um 8h werden wir quasi aus der Albergue ´geworfen´. Meistens ist Abends um 22h Zapfenstreich (merkwürdig, wenn 6jährige Spanier dann noch Fußball auf der Strasse spielen) und um 8h Morgens müssen alle raus sein.
Vorm Rathaus machen wir Fotos. Wolfgang aus Bonn stößt zu uns. Haben ihn in der Herberge kennengelernt. Wolfgang ist ca. 65, relativ unfit und hat sich den Rucksack von der Ehefrau packen lassen. Rita und Ulla, die die Casa Paderborn z.Z. führen, mussten erstmal Entwicklungshilfe leisten. Einiges raus, Anderes noch dazukaufen. Ist ja vielleicht gar nicht so schlecht, wenn man bei ner 5- Wochen-Wanderung auch ne Regenjacke dabei hat. Galizien z.B. ist für sein sattes Landschaftsgrün berüchtigt. An der Uni holen wir uns noch schnell nen Stempel. Unsere Heftchen sollen bis Santiago schließlich voll werden. Ne Stunde später beginnt der Aufstieg zum Alto Del Perdon. Auf halber Strecke 1. Pause, 2.Frühstück. 3 Norwegerinnen kommen vorbei, 2 Originale und 1 japanische Norwegerin. Die Japanerin wirkt leicht hyperaktiv. Alex hat unter den 2 Originalen gleich ein `Opfer` ausgemacht. Sie humpelt. „ Massage, Madam?“ Sie verneint. Alex:“Früher oder später krieg ich sie alle.“ Na, warten wir es ab.
Oben ist wieder Pause angesagt. Kalter Wind. Mache Fotos von den Figuren hier oben. Im Hintergrund die Windräder. Der Abstieg ist mies. Dickes, loses Geröll. Wer mit Knieproblemen aus den Pyrenäen ankommt bekommt hier den Rest. Unten muss ich mir unbedingt die Schuhe ausziehen. Die Fußsohlen brennen wie verrückt. Stelle fest, daß ich mir tatsächlich Blasen gelaufen habe. Alex nickt nur. Die 3 Norwegerinnen kommen wieder vorbei. Jetzt ist die Massage fällig. Und zwar gleich bei 2. Die Japanerin hüpft immer noch rum und drängt zum Aufbruch. Es ist 15h und nur noch 4km zu gehen. Haben wir Termine hier ? In Albergue treffen wir Esther, Studentin, auch aus Bonn, wieder. Man kennt sich schon. Wir gehen abends Essen, gucken uns die berühmte `Brücke der Königin` an. Wobei niemand weiß welche Königin die Brücke denn eigentlich gestiftet haben soll.
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Erstellt am: 13.06.2007
7.6. Puente la Reina- Estella
Mit Esther nach Estella. Ihre `Bessere Hälfte`, Peter, von dem sie grade eine kleine Auszeit nimmt ist noch in Puente. Die Drei marschieren vorne weg, ich lasse mich ein bisschen hängen. Will mal Ruhe haben, mache Fotos. Sebastian läuft zu mir auf. Seb, Italiener, ist Kellner in Onkels Restaurant in San Gimigniano in der Toskana. Er ist begeistert, dass ich die Eisdiele mit dem angeblich besten Eis der Welt kenne. Der Besitzer hat jahrelang in Lübeck ne Eisdiele gehabt und schon 3Mal die `Weltmeisterschaft` im Eismachen gewonnen. Ich war vor 2 Jahren in San Gimigniano. „ 20m rechts der Eisdiele ist unser Restaurant“. So klein ist die Welt. Wir unterhalten uns auf französisch. Seb beklagt die `Völkerwanderung` auf dem Jakobsweg. „Die meisten wollen doch nur gehen. Das können sie auch woanders. Wieso unbedingt hier?“ Ich frage ihn warum er hier ist. Er druckst rum und erzählt was von vielen Veränderungen in seinem Leben.
An Spargelfeldern schließen wir zu den Anderen auf. Pause. Seb marschiert weiter. Plötzlich ist auch Peter da. Steuert natürlich direkt Esther an. Ich verzieh mich mit der Kamera. Alex und Richard quatschen für meinen Geschmack viel zu sehr dazwischen. Das müssen die Beiden alleine `auskaspern`. Über einen Matschweg, an der Autobahn entlang geht es nach Estella. Die Stadt ist seinerzeit gegründet worden, um von den Pilgerströmen des Mittelalters provitieren zu können. Dafür wurde extra der Verlauf des Jakobsweg geändert. In der Herberge muss Alex wieder die beiden Norwegerinnen behandeln. Sie humpeln wirklich stark. Alex praktiziert u.A. eine Entspannungsmassage. Die Dame schläft fast ein dabei. In dem Augenblick kommt die `hyperaktive` Japanerin rein und brüllt ziemlich laut durch den Schlafraum, bis sie merkt, dass sie die Atmosphere stört. Die ist wirklich schräg drauf. Überhaupt muss ich sagen: auf dem Jakobsweg könnte man auch Sozialstudien betreiben. Im strömenden Regen klappern wir mehrere Restaurants nach Cena (Abendessen) ab und landen am Ende wieder nahe bei der Albergue. Das sogenannte Pilgermenü kostet meist 8,- Mitten im Essen entwickel ich einen super- hartnäckigen Schluckauf. Furchtbar, hab ich so noch nie gehabt. Denkt jemand an mich? Hab ich in nem früheren Leben hier was verbrochen und Jakobus will mich nun strafen? Er lässt einfach nicht nach, egal was ich versuche.
Die Nacht ist der Hammer. Richard `sägt` die ganze Bude zusammen. Alex ist auch wach geworden. Jetzt stimmt auch noch ein Italiener mit ein. Sie schnarchen 2-stimmig. Ich höre Flüche aus verschiedenen Betten. Morgen muss ich mir unbedingt Ohropax besorgen. Im Vergleich zu dem Sound macht AC/DC Kammermusik. Das Beste kommt wie immer zum Schluß. Eine Brasilianerin hat Alpträume. Alle ca. 15min wimmert sie in unverständlichem portugisisch irgendwelche Stoßgebete zum Himmel. Nur ein Wort versteht man deutlich: Maria. Um 4h morgens sitze ich in meinem Bett, mache Tonaufnahmen und Nachtfotos und grinse mir Was.
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Erstellt am: 13.06.2007
8.6. Estella- Los Arcos
Zu Fünft marschieren wir zum Weinbrunnen von Irache, im Regen. Und dann ist das Ding auch noch leer. Schade. Wir Frühstücken. Da ist er wieder: der Schluckauf. Unerträglich. Peter, der Medizin studiert hat fragt mich, ob ich Probleme mit der Magensäure hätte. Im Moment eigentlich nicht. Peter, Richard und Alex beschweren sich bei der Winzerei über den angeblichen Weinbrunnen. Esther und ich laufen schon mal weiter. Warten im nächsten Cafe. Die 3 kommen nicht. Laufen weiter bis zum nächsten Ort. Sie kommen nicht. Das Handy schellt. Die 3 haben einen Abzweig verpasst und stehen jetzt irgendwo. Wir verabreden uns in Villamayor de Monjardin zum Mittagessen. Treffen unterwegs das Pärchen aus Kapstadt wieder. Beide so um die 70 und ca. 1,60m groß. Total freundliche Menschen. ER hatte eine kleine Buchhandlung in Kapstadt. Sie ham jahrelang auf diesen Trip hingespart. Ihre Ausrüstung ist im Vergleich zu unseren High-Tech- Rucksäcken etwas improvisiert, aber langsamer sind sie deshalb auch nicht. Haben uns früher schon lang und breit über Afrika und Kapstadt unterhalten. Er hat hinten an seinem Rucksack ein Madonnenbild im Rahmen, ca. 18 x 13cm groß, befestigt. Die Beiden gehen häufig schweigend nebeneinander her. Sie gehen ihr Tempo. Ihren Weg. Sehr symphatische Leute.
Recht warm ist es heute, 28 Grad. Die Pause in Villamayor kann ich gebrauchen. Mittagessen. Alex macht Wein auf. Ich merk den Alkohol sofort. Alle sind wir heute rel. platt. Esther drängt Peter mit seinen guten Spanischkenntnissen doch die Autofahrerin vor der Kirche mal anzuquatschen, ob sie uns nicht nen ´Lift´ nach Los Arcos geben kann. Sie kann und will auch. Esther, Peter und unsere Rucksäcke fahren zum Etappenziel und Alex, Richard und ich laufen mit Leichtgepäck. Zur Feier des Tages wird noch ne Flasche Rotwein aufgemacht. Tolle Idee bei der Hitze. Resultat: beim nächsten Fotostop werfe ich fast mein Stativ um. Die Kamera wäre frontal aus 2m Höhe auf den Asphalt geklatscht. Kann sie grade noch fangen. Dummheit muss bestraft werden.
Wir marschieren 12km über schöne einsame Felder. Ein Vorgeschmack auf die Meseta hinter Burgos. Obwohl ohne Gepäck unterwegs schmerzt Alles. Die Füße brennen wieder. Und der Schluckauf nervt immer noch. So geht’s nicht weiter. Wir 3 sind zum ersten Mal recht ruhig. Die letzten Tage wurde viel gequasselt. Alex ist in seinen Trott gekommen, hält nicht mehr an. Er will die Etappe nur noch zu Ende bringen. Ich bin auch ziemlich gebeutelt. Laufe in Los Arcos direkt in die Apotheke. Die Apothekerin kichert über meinen Schluckauf und gibt mir all die guten Tips, die ich schon kenne. Sie fragt auch nach meiner Magensäure und verkauft mir `Omnaprazol`, obwohl ich eigentlich keine Magenprobleme habe. Peter meint auch das wäre ein schwaches Medikament gegen Säureprobleme und er bezweifle, dass das wirkt. Aber es funktioniert!
Im Cafe stimmen wir wieder den `Holzmichel` an:“ Ja, erlebt noch, er lebt noch, er lebt noch!“ Unsere Begrüßung für die beiden recht voluminösen Österreicher. Der Eine Hotelier, der Andere Reiseunternehmer. Wenn wir sie unterwegs trafen hatten sie immer knallrote Köpfe, wie kurz vor der Explosion und wir haben eben immer den Holzmichel aufgelegt. Sie lachen, locker und lustig drauf die Beiden. Ist ihr letzter Abend heute. Sie hatten nur eine Woche, wollen aber nächstes Jahr weiterpilgern.
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Erstellt am: 21.06.2007
9.6. Los Arcos- Viana
Gestern war es noch heiß, nun regnet es fast. Eigentlich passiert den ganzen Tag über nicht viel. Und das ist auch gut so.Endlich mal Ruhe! Fast. Peter und Esther marschieren voraus. Die ewigen Stops durch meine Fotografiererei sind einfach nicht ihr Rhythmus. Kann man verstehen, das ist ja auch kein Rhythmus, sondern Stop und Go. Um so dankbarer bin ich, dass Richard und Alex den `Zauber` mitmachen und für mich permanent Model spielen. Alex läuft auch ein bisschen vor und marschiert in seinemTrott. Ich unterhalte mich lange mit Richard, der einen sehr bunten Lebenslauf hat. Vom Kuli nach dem Krieg im Hamburger Hafen zum Seemann, zum Fuhrunternehmer und Kaufmann. Viele Erfahrungen und Gedanken gemacht. Er bestätigt mich in einigen meiner Ansichten und gibt mir über Anderes nachzudenken. Eigentlich begann der Tag ganz harmonisch. Später laufe ich alleine über die Felder und hänge meinen Gedanken nach und Richard unterhält sich sehr angeregt mit Peter. Esther marschiert im Gleichschritt mit Alex. Was ganz Neues: nicht nur die Fußsohlen brennen, nun meldet sich auch die Sehne, die oben über dem linken Zeh verläuft. Ich kenne sie gut- vom Fußball früher. Das muß an dem hohen Gepäck liegen, das ich über oft harten Untergrund schleppen muß. Als Wanderweg ist der Camino wirklich nicht `erste Sahne`. Ein guter Wanderweg verläuft mehr über weichen Untergrund. Aber der Camino ist ja auch ein Pilgerweg, kein Wanderweg. Dass hier so Viele wandern wollen ist nicht sein Problem.
Richard und Peter marschieren nicht mehr zusammen. Es hat geknallt zwischen den Beiden. Richards Redefluß ist generell schwer zu stoppen. Wenn man ihn mit vielen Fragen zusätzlich animiert anstatt mal um ne Pause zu bitten, muß man sich nicht wundern, wenn das auf die Dauer ein bisschen viel wird. Beim Abendessen wird klar, dass die Atmosphäre zu verspannt ist, um noch lange weiter gemeinsam zu wandern.
In Viana liegt ein gewisser Cesare Borgia begraben. Urspruenglich in der Kirche, spaeter ´flog´der Leichnam raus, vor die Kirche. Cesare Borgia war fuer Macchiavelli eine der Personen, die ihn seinerzeit inspirierten "Der Fuerst" zu schreiben. Sozusagen die Bibel fuer jeden Politiker und der, der es werden will. Man findet saemtliche Verhaltensmuster von Fuehrungskraeften im Zusammenspiel mit Macht, Intrigen, Manipulation. Borgia hatte seinerzeit u.A. seinen eigenen Bruder ermorden lassen, um in seine Position zu kommen und war auch sonst eine Art Mensch, mit dem man eher weniger zu tun haben wollte. Ausser vielleicht Menschen, die psychisch aehnlich verkorkst waren. Politiker eben. Aufgrund seines Lebenswandels setzte man ihn damals angeblich vor die Tuer. Vielleicht konnte der damalige Bischoff aber auch einfach nicht mit ihm ins ´Geschaeft´ kommen, wer weiss das schon.
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Erstellt am: 21.06.2007
10.6. Viana-Logrono
Es regnet in Strömen. Wir Drei frühstücken und lassen uns dann von unserem Vermieter mit dem Auto die 8km nach Logrono bringen. Esther und Peter schlafen noch. Schade und Tschüß. 2. Frühstück in Logrono an der Plaza. Bocadillos und Milchkaffee ( Café con Leche). Bocadillos sind in der Mitte aufgeschnittene Baguettes, die mit Schinken, Käse oder z.B. Ei belegt werden. Ohne Butter oder Margarine. Ziemlich trocken auf die Dauer. Die Kellner sind extrem cool drauf. Ne Mimik (quasi nicht vorhanden) wie kleine, verkappte Toreros. Es ist 10h, zu früh für die Albergue, die erst um 14h öffnet. Mit ner Flasche Vino Tinto vom Vermieter marschieren wir über die Ebro- Brücke zum Kinderspielplatz. Erst mal richtig abrocken hier! Es gibt verschiedene überdimensionierte Musikinstrumente. Alex kann nur Dschingle Bells. Die Kinder gucken etwas irritiert. Selbst in Dörfern, wo die Häuser zusammenfallen gibt es gute Kinderspielplätze. Und alle in gutem Zustand. Wenn man das mit dem reichen Deutschland vergleicht??
Auf der Plaza treffen wir den Einen oder Anderen Pilgerer von Unterwegs und sorgen mal wieder fuer Umsatzsteigerung in den Bars.
Wir schauen uns die Stadt an, schreiben Tagebuch und gehen schlafen. Unter mir schläft wieder der Italiener aus Estella und neben mir Richard. Na super, das Dreamteam der Schnarcher auf 4qm zusammen. Der Italiener grinst mich verlegen an und schenkt mir ein Paar orange Ohrstopfen. Das ist doch mal nett! Er kennt die schlafvernichtende Wirkung seiner Nachtatmung und hat von Seb erfahren, dass ich San Gimignano in der Tosakana gut finde. So konnte ich Pluspunkte sammeln. Der ältere Herr kommt nämlich auch von dort, wie ich erfahre. Ich schaue mich um: die Meisten aus der Bettnachbarschaft haben keine Ohrstopfen. Na dann: Gut`s Nächtle!
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Erstellt am: 21.06.2007
11.6. Logrono- Ventosa
Wir folgen überdimensionierten Gummibärchen, also Figuren, die aussehen wie Gummibärchen, um aus der Stadt zu kommen. Dauert 1h. Kalter Tag, Regen mal wieder. Zum Mittagessen stoppen wir in Navarrete am Rathaus. Machen es uns gemütlich mit Brot, Käse, Tomate, Oliven, Tinto etc. Es wird gebaut am Rathaus. Um 14h05 fragt Alex einen immer noch aktiven Arbeiter (normalerweise ist ab 14h Siesta):“ Senor, no Siesta?“ Seine Antwort:“ Wieso, hast du keine Hypothek abzubezahlen?“ Plötzlich kommt Sturm und Gewitter auf. Ein Platzregen. Wir flüchten rechtzeitig ins Rathaus und bekommen auch noch den nächsten Stempel.
Es geht weiter über Weinfelder. Dann ne große Baustelle. Es ist nicht mehr klar, wo der Weg weitergeht. Wir laufen erst in die falsche Richtung, ich entschließe mich dann querfeldein zu gehen, denn in der Entfernung sieht man wieder den Weg. Wir latschen durch nasses, hohes Gras, versinken Knöcheltief im Matsch. Hohe Schuhe sind was Feines. Kommen schließlich müde aber trocken an der Albergue in Ventosa an. Erstmal Schuhe putzen und… die letzte Flasche Vino Tinto auf diese blöde Querfeldein- Aktion.
Ein deutscher, blonder Lockenkopf, ca. 33 Jahre alt mit dominanter Ausstrahlung empfiehlt uns dringend die Hausmarke. Werden wir später sicher nachholen. Jetzt heißt es erstmal die verbrannten Kalorien wieder zu sich nehmen. Nach dem Essen geht Alex massieren. Ne ca. 20jährige Fahrrad- Italienerin. Richard und Ich grinsen- Alex auch. Richard und ich wollen uns noch ein Weilchen in dem gemütlichen Aufenthaltsraum aufhalten. Da sitzt schon Blondie und hält offensichtlich Hofstaat. Er hat was von nem Guru, obwohl er ziemlich glatt und langweilig wirkt. Aber er führt in der Runde definitiv das Wort. Ein junges Pärchen gehört dazu, die viel reden und offensichtlich zu Hause Probleme haben, Ein Älterer Deutscher, der wenig redet, eine Wienerin, die auch wenig redet, stattdessen Blondie anhimmelt, aber mit nem Anglophonen Händchen hält und… logischerweise der englischsprachige Pilger, der ne ganz symphatische Ausstrahlung hat. Blondie gibt Ratschläge in allen Lebensfragen. Auf mich wirkt er wie `n Klugscheißer, der gerne manipuliert. Aber er hat seine Fans.
Richard ist seit Jahren Funkamateur und erklärt mir in normaler, angepaßter Lautstärke diverse Details aus dem Funkerleben, bis irgendwann Blondie meint reinquatschen zu müssen, wenn erwachsene Menschen sich unterhalten:“ Hört mal auf, hört mal auf. Ihr habt da ein ganz negatives Thema. Ihr zerstört hier die positive Atmospäre. Bei mir kommen ganz negative Schwingungen an. Bitte unterhaltet Euch doch draußen weiter.“ Richards knappe Antwort: “ Das Positive daran ist: ICH weiß wovon ich rede.“
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Erstellt am: 21.06.2007
12.6. Ventosa- Santo Domingo de la Calzada
Es gibt kein Frühstück in der Albergue, aber es regnet in Strömen. Scheiße noch mal. Ich hab allmählich die Nase voll von dem Wetter. Ist das hier Spanien? Gibt’s hier auch Sonne? Alle Pilgerer tummeln sich unten im Eingangsbereich. Schuhe an, Regenzeug an. Der Herbergsvater stammt aus Galizien. Seine keltische Kultur kann er nicht verleugnen. Unsere Aufbruchstimmung wird angeheizt mit schottischer Dudelsackmusik. „Scotland the Brave“.
Na dann, Attacke. Es ist kalt. Wir reden nicht, regen uns nicht auf, spüren auch keinerlei Wehwechen, legen uns mal wieder so ne Art Tunnelblick zu und rennen die 12km bis Najera ohne große Stops in 1h45 runter. Absoluter Rekord. Am Ortseingang gleich rein in die erste Bar. Ist das schön warm hier und trocken. Herrlich. Die Inneneinrichtung: Gelsenkirchener Barock. Aber egal, denn es gibt Frühstück. Wir sind uns einig, dass wir bei dem Wetter die 22km bis Santo Domingo nicht marschieren wollen. Zusammen mit nem hessischen Pärchen versuchen wir ein Taxi zu organisieren. Scheitert. Wir rennen zum Bus in die Ortsmitte und stellen fest, dass wir nicht die Einzigen sind. Der Bus ist rappelvoll mit Peregrinos. Der Busfahrer leicht cholerisch, scheint mit dem Andrang ueberfordert zu sein. Er faehrt wie der Henker. Vor ca. 10- 15 Jahren wurde Deutschland oft als Service- Wueste bezeichnet. Hmm, mag ja sein,dass das damals seine Berechtigung hatte. Wuerd mich aber interessieren, was die Kritiker von damals nach 5 Wochen aufm Jakobsweg sagen wuerden.
Der Empfang in der Albergue in Santo Domingo ist dafuer umso waermer. Maedels in Trachten begruessen uns und jeder bekommt ein Stueck Gebaeck.
Ein Klosterbruder macht mit uns das Administrative, ein Zweiter geleitet uns nach Oben zu den Betten:" Schuhe aus, ins Regal stellen, mitkommen. Das ist dein Bett, das fuer dich und das fuer dich. Buenos Dias."
Alle spannen ihre Waescheleinen, um das nasse Zeug im eh schon kalten, feuchten Raum zu trocknen. Geht halt nicht anders.
Zu Santo Domingo de la Calzada, also dem ´Heiligen Domenikus von der Asphaltierten´ gaebe es Einiges zu erzaehlen. Zum Beispiel die Geschichte von den gebratenen Huehnern, die ploetzlich wieder fliegen konnten. Details spare ich mir an dieser Stelle.
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